Bürgerzentrum oder Investorenmodell?

18.09.2013 Durch die Antwort Dr. Raschpichlers im Jugendhilfeausschuss (JHA) am 10. September wurde öffentlich, dass die alte Heideschule (Hinsdorfer Str. 6) jetzt an einen Investor verkauft werden soll.

Das bedeutet das Aus für die Pläne des Vereins „Bürgerzentrum Heideschule“ zur Sanierung und öffentlichen Nutzung des denkmalgeschützten Backsteinbaus.

Zum Verkauf der alten Heideschule

Schon lange ist die schwierige soziale Lage des Quartiers um das Leipziger Tor bekannt. Die Entmischung der Wohnbevölkerung in unsanierten Wohnblocks und flächiger Abriss hat das soziale Gefüge weiter geschwächt. Das Wohnviertel ist vom Stadtumbau durch Abriss am stärksten betroffen. Zwischen dem Restbestand an Plattenbauten hinterbleiben Freiflächen, deren Wüste notdürftig als Grüngürtel mit Wildwuchs kaschiert wird und ehemalige Kinderkombinationen.

Da mit Blick auf den geplanten Abriss seit über zehn Jahren kaum Unterhaltungsmaßnahmen stattfanden, ist der Sanierungsbedarf auch dieser abgewirtschafteten Plattenbauten auf Millionenhöhe angewachsen. In diesen KiKos finden sich neben sozialen Nutzungen auch Lagerflächen der städtischen Museen. Wir haben im Stadtrat seit Jahren immer wieder auf die Probleme im Stadtgebiet und mit den Gebäuden hingewiesen.

Ab 2008 wurde heftig über die Verlegung des Offenen Treffs aus der Rennstraße diskutiert. Statt die Einrichtung an anderer Stelle im Gebiet zu verankern, wurde sie in die Schaftrift verlegt, wo sie heute wegen mangelnder Nutzung vor dem Aus steht.

Seit 2009 bemühten sich aktive und engagierte Bürger im Quartier Leipziger Tor darum, die in diesem Stadtgebiet arbeitenden sozialen Einrichtungen und Vereine in einem Bürgerzentrum zusammenzuführen, diese für die Stadt kostengünstiger zu betreiben und zusätzliche offene Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schaffen. Nach ihrer Übertragung an die Stadt kam dafür die Heideschule als Standort in den Blick.

Die ersten Besprechungen mit Bauamt und IPG als Eigentümerin des Gebäudes über die notwendigen Sanierungsmaßnahmen machten Hoffnung auf eine Umnutzung für soziale Zwecke. Mit dem Frauenzentrum, der Kleinen Arche, dem Betreuungsverein des Behindertenverbandes und der Kinderärztin waren schnell die meisten Flächen auf den beiden Vollgeschossen belegbar. Platz blieb noch für temporäre Nutzungen und Angebote für offene Bürgerzentrums-Arbeit. Der Garten auf dem über 2.000 m² großen Grundstück bot Platz für Gestaltung und Treffen. Das Ringerzentrum in der ehemaligen Schulturnhalle konnte als Partner gesehen werden. Mit dem Programm Soziale Stadt stand auch ein passendes Förderprogramm für die Sanierungskosten zur Verfügung. Das ebenfalls daraus finanzierte Quartiersmanagement Leipziger Tor war prädestiniert, das Vorhaben zu begleiten.

Doch in dieser Situation löste das Baudezernat das Quartiersmanagement auf, weil den Projektkosten zu wenige Bauinvestitionen gegenüberstanden, wie es im Förderprogramm vorgesehen war. Dass mit der Heideschule ein solches Bauprojekt zur Verfügung stand, dessen Umsetzung aber seine Zeit benötigt, wollten Mehrheit im Stadtrat und Verwaltung nicht sehen. Statt also die Bautätigkeit den Förderkriterien entsprechend anzugehen, wurde mit dem Quartiersmanagement ein weiterer sozialer Ankerpunkt abgewickelt.

Erst nach diesem unsäglichen Beschluss wurde das Bürgerzentrum 2010 als mögliche Begegnungsstätte in die Sozialplanung der Stadt und 2011 als Ort für offene Kinder- und Jugendarbeit in die Freizeitstättenplanung aufgenommen. Beides sinnvolle Punkte in einem als Interventionsgebiet bezeichneten Umfeld. Doch der Verein wurde mit seinen Plänen für das Bürgerzentrum allein gelassen, ignoriert und behindert. Konnten zum Tag des offenen Denkmals 2010 noch Begehungen stattfinden, wurde dies ab 2011 auf Drängen des Baudezernenten untersagt. Vom Sozialdezernat wurden immer neue Konzepte und deren finanzielle Untersetzung gefordert. Die Zusammenarbeit beider Dezernate klappte nur bei der Behinderung der Engagierten, zielorientierte Unterstützung zum Wohle der Stadt und des Gebietes blieb aus.

Im Ergebnis wird die Heideschule nun an einen Investor verkauft, der so preiswert an ein Filetstück am Leipziger Tor kommt. Gleichzeitig gibt es bis heute keine Ansätze zur Verbesserung der Situationen in den KiKos Törtener Straße 14 und 44. Das Streetworker-Büro zieht in diesen Wochen in die Innenstadt. Wen wundert es, dass Dessau-Roßlau bei seinen Bürgern nicht beliebter ist, wenn für Verwaltung und viele Stadträte Verkaufserlöse wichtiger sind als die soziale Entwicklung und das Engagement der Bürger dieser Stadt? Stefan Giese-Rehm

Wir für Dessau-Roßlau